Es war circa halb eins als ich schweißgebadet aufwachte. Aufrecht saß ich in meinem Bett und starrte in die Dunkelheit. Es war ein Traum gewesen oder? Ich hatte nie jemanden umgebracht, ich hatte das nur geträumt. Nein, das gute zureden half auch nichts es war einfach passiert, ich hatte einen Menschen, einen lebenden, atmenden und vor allem noch relativ jungen Menschen einfach so das Leben genommen. Ich hätte es auch anders lösen können, ich weiß doch wie man jemanden außer Gefecht setzt, ohne ihn umzubringen, aber ich hab es nicht getan. Damit musste ich mich jetzt abfinden, je stärker ich mich da hineinsteigerte, desto schlimmer würde es für mich werden.
Ich stand auf und öffnete die Tür um in den größeren Teil meines Zimmers zu gelangen. Mein Hals war wie ausgedörrt, also schaltete ich das Licht an und sah mich nach etwas zu Trinken um, doch hier stand nichts. Ich beschloss runter zu gehen und die Küche zu suchen. Ich hätte auch etwas aus dem Wasserhahn in meinem kleinen Bad trinken können, aber ich glaube ich suchte nach Ablenkung.
So trat ich hinaus auf den Flur, der ein wenig beleuchtet war, und ging ins Erdgeschoss. Der größte Teil wurde von der Eingangshalle, dem riesigen Wohn- und Esszimmer und dem Wintergarten, den man von der Einfahrt aus nicht sehen konnte, eingenommen. Ich ging davon aus, dass in der Nähe des Esszimmers auch die Küche sein musste, deshalb fing ich an verschiedene Türen zu öffnen.
Gerade als ich die dritte öffnen wollte, bisher hatte ich nur Büros vorgefunden, legte mir jemand seine Hand auf die Schulter. Erschrocken wirbelte ich herum und sah in das Gesicht von Michael.
"Na nana, kleine Lady. So spät noch wach und am rumschnüffeln?"
"Nein, ich..."
Ich holte einmal tief Luft und ließ die Hände, die Automatisch in Abwehrhaltung hochgeschnellt waren, wieder sinken. Sonst war ich nie so schreckhaft gewesen!
"Ich suche nur die Küche. Ich bin grade aufgewacht und hatte furchtbaren Durst."
Er grinste mich an.
"Gut, dann komm mal mit."
Er ging voraus und ich folgte ihm. Wir gingen aus dem Raum hinaus und er öffnete eine Tür, hinter der sich ein recht kurzer, schmaler Gang befand. Am Ende des Ganges war noch eine Tür, die er ebenfalls öffnete und dahinter befand sich die Küche.
"So da hinten ist der Kühlschrank, da solltest du etwas zu Trinken finden und dann gehst du schnell wieder ins Bett, okay?"
Ich nickte und ging zum Kühlschrank. Er drehte sich um und ging.
"Gute Nacht Sofia."
"Gute Nacht."
Der Kühlschrank war riesig und nachdem ich ein wenig gesucht hatte, fand ich sogar mein Lieblingsgetränk.
Genüsslich leerte ich das Glas voller eiskalten Grapefruitsaft, stellte es auf die Spüle und machte mich wieder auf den Weg nach Oben. Überraschenderweise fand ich ihn auf Anhieb. Als ich wieder im Bett lag, zog ich mir meine Decke über den Kopf und rollte mich zusammen. Irgendwann schlief ich wieder ein.
Ein Klopfen an der Tür weckte mich. Ich setzte mich auf und sah auf die Digitaluhr, die auf dem kleinen Regalbrett, direkt neben mir stand. Es war 7 Uhr morgens.
"Ja?"
Auf der anderen Seite der Tür erklang Rebeccas hohe Stimme.
"Guten Morgen Sofia, es ist Zeit zum aufstehen. Deine Schultasche und die Uniform liegen auf der Couch und das Frühstück ist schon fertig.
"Okay, danke Rebecca."
Ich setzte mich ans Fußende des Bettes und rieb mir den Kopf. Wie sollte ich mich denn vorstellen? Hi, ich bin Sofia und habe gestern jemanden umgebracht, ich dachte ich komme deswegen ins Gefängnis, aber mein Onkel hat auch noch Witze darüber gemacht. Also scheint es okay zu sein, ich freue mich darauf mit euch in eine Klasse zu gehen?!
'Okay Sofia, jetzt reißt du dich zusammen. Heute ist mein erster Tag an dieser Schule und ich werde nicht als totaler Freak rüberkommen! Niemand weiß davon, also warum mache ich mir eigentlich Sorgen?'
Halbwegs entschlossen stand ich auf und ging ins Bad. Ich putzte mir die Zähne und wusch mich, die Wunde an meinem Kopf wurde perfekt von meinen Haaren verdeckt. Ein wenig zweifelnd blickte ich auf mein kleines Schminktäschchen. Sollte ich mich für den ersten Schultag schminken? Ich beschloss nur ein bisschen Mascara aufzutragen.
Ich wurde auf eine Privatschule geschickt, an der Uniformpflicht herrschte. Ich zog die Kombination aus weißer Bluse, schwarzen Rock und burgunderfarbenem Pullunder an und besah mich in dem großen Spiegel an der Schranktür. Seufzend nahm ich meine Tasche und ging nach unten.
Auf dem Esstisch stand Frühstück, doch ich ging geradewegs in die Küche und füllte mir erneut ein Glas mit Grapefruitsaft.
"Oh, Sofia. Möchtest du gar nichts essen?"
Rebecca betrat grade ebenfalls die Küche und sah mich verwundert an. Ich schüttelte nur den Kopf und nahm einen weiteren Schluck aus meinem Glas. Jetzt kam auch Domenico herein.
"Guten Morgen Onkel Domenico."
"Guten Morgen Sofia. Hör doch bitte auf mich Onkel zu nennen, so alt bin ich auch wieder nicht!"
Ein bisschen musste ich lächeln, denn meiner Meinung nach konnte man ihn mit seinen 35 Jahren schon Onkel nennen. Trotzdem nickte ich.
"Michael wird dich zur Schule fahren und auch wieder abholen"
Er lächelte und legte mir eine Hand auf die Schulter.
“Mach dir keine Sorgen, wenn du von der Schule wiederkommst werde ich dir alles erklären.”
“Und warum nicht jetzt?”
“Weil es zu lange dauern würde und jetzt Abmarsch.”
Domenico verpasste mir einen kleinen Stoss und ich ging mit einem kurzen ’Ciao’ aus der Küche.
Einige Minuten später saß ich auf dem Beifahrersitz von einem der Autos die Domenico gehörten und sah auf die Straße. Neben mit tippte Michael mit seinem Zeigefinger im Takt der Musik, die halblaut aus dem Radio tröpfelte, auf das Lenkrad.
"Alexander von Klint, 17."
Der Junge neben mir starrte genervt vor sich hin und vergrub die Hände in seinen Hosentaschen. Er war gut zwei Köpfe größer als ich und nicht grade schlaksig.
"Mein Name ist Sofia Albarella, ich bin 16."
Ich lächelte nervös. Alle Blicke schienen auf mir zu kleben.
"Gut, habt ihr irgendwelche Fragen an unsere zwei Neuankömmlinge?"
Sofort schnellte eine Hand in die Höhe. Das Mädchen, das zu der Hand gehörte hatte kurze, weiß-blonde Strubbelhaare und schien ziemlich zierlich zu sein.
“Nora?”
Der Lehrer wies sie mit einer Handbewegung an aufzustehen. Nora sprang auf, sie war wirklich klein, und öffnete ihren, sorgfältig mit pinken Lipgloss ausgemalten Mund.
“Wo seid ihr zwei denn vorher zur Schule gegangen?”
“Ähm, also ich, ich wurde immer Zuhause unterrichtet.”
Ich musste aufhören so nervös zu sein! Sie sahen mich nur an weil ich neu war und nicht weil sie irgendetwas wussten!
“Das geht dich gar nichts an.”
‘Uh, da scheint ja jemand richtig gute Laune zu haben! Der platzt ja gleich vor Sonnenschein...’
“Okay”, sagte der Lehrer gedehnt, “wenn ihr keine weiteren Fragen habt könnt ihr zwei euch einen Platz suchen.”
Alexander setzte sich alleine an einen Tisch am Fenster und ich wählte den freien Platz neben Nora.
“Hi, ich bin Nora. Sag mal kennst du den Griesgram da?”
Ich schüttelte den Kopf.
“Nein, aber freut mich dich kennen zu lernen, ich bin Sofia.”
“Hey! Nicht schwatzen! Ihr hattet die Chance Fragen zu stellen, den Rest könnt ihr auf die Pausen beschränken.”
Schnell wandten wir unsere Aufmerksamkeit wieder dem Lehrer zu.
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